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8. Juli 2026

Über dem Raster
Auf einem bestehenden Parkdeck ist in Tübingen die neue Mitte für drei Berufliche Schulen entstanden. Über dem starren Raster des Bestands schufen a+r Architekten mit dem Campusgebäude einen offenen, gemeinsamen Lernort.


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Wer sich dem neuen Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen nähert, erlebt Architektur als Transformation. Wo zuvor ein halb aus dem Gelände ragendes zweistöckiges Parkdeck den Zwischenraum an der Primus-Truber-Straße prägte, spannt sich heute ein langgestreckter Baukörper zwischen Schulgebäuden, Straße und dem Flüsschen Steinlach auf. Aus dem Bestand heraus haben a+r Architekten aus Stuttgart und Tübingen ein neues Verbindungsglied für die Gewerbliche Schule Tübingen, die Wilhelm-Schickard-Schule und die Mathilde-Weber-Schule entwickelt. Ein gemeinsames Haus für die rund 5.200 Schülerinnen und Schüler mit Mensa, Mediathek, flexibel nutzbaren Unterrichtsräumen und Lerninseln.

Der Schulstandort in Tübingen-Derendingen war lange durch funktionale Einzelteile bestimmt: drei berufliche Schulen, ein bestehendes Parkdeck, diverse Zufahrten, die Turnhalle Feuerhägle, der Kindergarten, der Jugendtreff und der grüne Flussraum der Steinlach. Was fehlte, war ein Ort, der diese Nachbarschaften verbindet und dem Berufsschulcampus eine gemeinsame Adresse gibt.

Ein Campus findet seine Mitte
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Aus dieser Gemengelage schafft der Neubau eine neue räumliche Ordnung für den Campus. Er folgt der Länge der Tiefgarage, fasst die vorhandene Infrastruktur und macht aus ihr einen öffentlichen Bildungsbaustein. Der Baukörper wirkt raumbildend und schafft großzügige Freibereiche für eine lebendige Mitte der drei Schulen. Die erhöhte Terrassenebene verknüpft die Primus-Truber-Straße mit dem Landschaftsraum der Steinlach. Über großzügige Freitreppen von Norden und Süden wird die Mensaterrasse zum gemeinsamen Ankunftsort. Zugleich werden die Schülerströme von den Zu- und Ausfahrten der Tiefgarage entflechtet.

„Wir haben mit dem neuen Mensagebäude einen Ort geschaffen, der die drei Schulen miteinander verbindet“, erläutert Walter Fritz, Projektleiter bei a+r Architekten. „Die Mensa, die Mediathek und die neuen Lernbereiche geben dem Campus erstmals eine gemeinsame Mitte und schaffen dadurch ein Wir-Gefühl.“

Weiterbauen als Entwurfsprinzip
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Das Parkdeck aus den frühen 1970er Jahren blieb als tragende Ressource erhalten und wurde zum Ausgangspunkt der Entwurfsidee, die innerhalb des nichtoffenen Planungswettbewerbs 2018 entstand. Die Konstruktion der ursprünglichen Tiefgarage war zunächst für eine Erdüberdeckung mit Grünfläche und Bepflanzung ausgelegt und verfügte deshalb über Lastreserven, die den Neubau darauf erst möglich machten. Zugleich gaben Raster, Höhen und Lastabtragung die konstruktiven Rahmenbedingungen für den darüberliegenden Neubau vor. Daraus haben a+r Architekten das erste Neubaugeschoss, die Mensa- und Klassenraumebene als Betonkonstruktion entwickelt, die die großen Spannweiten des Gemeinschaftsraums aufnimmt und die Lasten in den Bestand ableitet. Rund 2.000 Kubikmeter Beton konnten durch den Erhalt des Parkdecks weitergenutzt und graue Energie bewahrt werden.

Über dem Sockelgeschoss wird die Mensaebene zur tragenden Schwelle. Sie übersetzt das vorhandene Garagenraster in die neue Nutzung und schafft die Grundlage für den leichten Holzbau, der auf ihr sitzt. In dieser Schichtung liegt die Logik des Hauses. Der robuste Bestand trägt die neue Öffentlichkeit. Der Holzbau darüber nimmt die Lernbereiche auf und verleiht dem langgestreckten Baukörper eine leichtere Anmutung.

Am Kopf des Gebäudes ergänzt ein Neubau auch im Sockelgeschoss das zweistöckige Parkdeck und nimmt dienende, technische und schulische Nutzungen auf. Dort sind auf der Zwischenebene Büro- und Nebenräume der Mensa sowie IT- und Serverräume organisiert. Auf Ebene 0 liegen Schülerarbeitsraum, Seminarraum, Sanitäranlagen und Anlieferung. So wird die bestehende Infrastruktur räumlich weitergeführt und zugleich mit dem neuen Campusalltag verzahnt.

Der Kopf des Campus
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Mensa und Mediathek bilden den gemeinschaftlichen Schwerpunkt des Campusgebäudes. Die Mensa liegt auf der erhöhten Terrassenebene und öffnet sich mit raumhohen Verglasungen zur Terrasse und zur Umgebung. Ihre Weite entsteht aus der großen zusammenhängenden Fläche, dem umlaufenden Tageslichtband und der sichtbaren Tragstruktur. Schlanke Rundstützen und V-förmige Schrägstützen entlang der Westfassade geben dem Raum seinen Rhythmus und machen die konstruktive Leistung der Überbauung unmittelbar erfahrbar.

Im Zentrum öffnet ein verglastes Atrium die Mensa nach oben zur Mediathek. Die Glasflächen und die Oberlichter bringen zusätzliches Licht in die Tiefe des Grundrisses und verbinden die Ebenen visuell miteinander. Lange Tafeln, locker gestellte Tischgruppen an der Fassade und höhere Thekenelemente geben der großen Fläche unterschiedliche Zonen, ohne den offenen Charakter des Raums zu schwächen.

Darüber bildet die Mediathek den nach außen präsenten Kopf des Hauses. Personell vom Kreismedienzentrum unterstützt, ergänzt sie die Mensa als ruhiger Ort für Recherche, Aufenthalt und konzentriertes Arbeiten im neuen Campusalltag. Regale, ein zentraler Tresen und lange Sitznischen entlang der Fassade geben dem hellen Raum eine klare Ordnung und zugleich eine einladende Stimmung. Prägend für die äußere Erscheinung ist die gefaltete Mediatheksfassade. Blaugrüne Faserzementplatten fassen die oberen Ebenen zu einer ruhigen Hülle. An der schmalen Stirnseite verdichtet sich diese Ordnung zu einer fein gestaffelten Kontur. Die Fassade gibt dem Baukörper Maßstab und Tiefe, filtert das Tageslicht und zeichnet sich im Inneren als Licht- und Schattenrelief und an den Sitznischen der Mediathek ab.

Lernhaus entlang des Parkdecks
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Vom Gebäudekopf aus entwickelt sich das Lernhaus nach Osten über die gesamte Länge des Parkdecks. Entlang des zentralen Flurs sind auf zwei Geschossen Unterrichtsräume, Lerninseln, offene Arbeitsplätze und Nebenräume angeordnet. Auf beiden Ebenen ergänzen Schulsozialarbeit und Lehrerbüros die Unterrichtsbereiche und schaffen gut erreichbare Anlaufstellen im Schulalltag. Die räumliche Qualität entsteht aus der klaren Längsorganisation, den Blickbezügen nach außen und den offenen Arbeitsbereichen entlang der Südfassade. Der neue Schulbaustein unterstützt den Alltag der drei Schulen mit kurzen Wegen und flexibel nutzbaren Bereichen.

Im Gebrauch bestehen
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Die Materialwahl verbindet Robustheit mit Atmosphäre. Sandgestrahlte Betonoberflächen prägen die beiden Sockelebenen innen wie außen, von den Treppenhäusern bis zu den Betonfertigteilen der Fassade. Darüber legen blaugrüne Faserzementplatten, farblich abgestimmt auf die bestehenden Schulbauten, eine fein rhythmisierte Hülle um die oberen Ebenen. Innen prägt Weißtanne Fenster, Türen, Einbauten, Wandflächen und Sitznischen. Betonwerkstein gibt den stark frequentierten Bereichen Dauerhaftigkeit, Glas stellt Blickbeziehungen her.

In diesen Entscheidungen zeigt sich das Projekt als gemeinsames Werk von Bauherrschaft und Architekturbüro. Neben den ökologischen Aspekten wird Nachhaltigkeit hier als Frage von Bestandserhalt, Material, gutem Altern und Alltagstauglichkeit verstanden. „Wir haben Materialien, Wartung, Pflegeaufwand und Alterungsfähigkeit früh geprüft“, sagt Stefanie Lüdigk, zuständige Abteilungsleiterin beim Landkreis Tübingen und Vertreterin der Bauherrschaft. „Uns war wichtig, dass die Oberflächen dem intensiven Schulalltag standhalten, ihre Qualität langfristig bewahren und dem Gebäude eine dauerhaft angemessene Präsenz verleihen.“

Dieser Anspruch reicht bei a+r Architekten bei allen Projekten weit über die Fertigstellung hinaus. Walter Fritz besucht immer wieder ältere Projekte und beobachtet, wie Materialien altern, wie Oberflächen Gebrauchsspuren aufnehmen und wie Gebäude ihre Qualität im Alltag behaupten. „Ein gutes Gebäude muss sich auch nach vielen Jahren noch richtig anfühlen“, sagt der Projektleiter von a+r Architekten. „Dafür braucht es Materialien, die Nutzungsspuren gut aufnehmen.“

Daten und Fakten
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Projekt: Campusgebäude Berufliche Schulen Tübingen
Bauherrschaft: Landratsamt Tübingen
Standort: Tübingen-Derendingen, Primus-Truber-Straße
Nutzende: Gewerbliche Schule Tübingen, Wilhelm-Schickard-Schule, Mathilde-Weber-Schule
Architektur: a+r Architekten, Stuttgart/Tübingen
Wettbewerb: 2018
Planungsbeginn: 2020
Baubeginn: November 2022
Fertigstellung: März 2026
Nutzung: seit April 2026
Bruttorauminhalt: 25.292 m³ ohne Tiefgarage
Bruttogeschossfläche: 5.695 m² ohne Tiefgarage
Nutzfläche: 4.960 m² ohne Tiefgarage
Wärmeversorgung: Fernwärme
Energie: Photovoltaik auf den Dachflächen
Fotografie: Roland Halbe

Stuttgart, Juli 2026
Abdruck honorarfrei / Beleg erbeten

 

 

Über a+r Architekten
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a+r Architekten stehen für eine solide, umweltverträgliche und zukunftsorientierte Architektur mit einer überzeugenden Expertise im Bereich des nachhaltigen Bauens – auch im Bestand. Das 1985 von Prof. Gerd Ackermann und Prof. Hellmut Raff gegründete Büro mit Standorten in Stuttgart und Tübingen zählt rund 130 Mitarbeiter und steht heute unter der Leitung von Oliver Braun, Florian Gruner und Alexander Lange. Vorwiegend bauen a+r Architekten für öffentliche Auftraggeber, Industrie und Gewerbe, für kommunale Wohnbauunternehmen sowie für soziale Einrichtungen. Das Büro konzentriert sich auf eine angemessene, ökologische, funktionale und daraus resultierend innovative Bauweise und wurde dafür mit renommierten Preisen ausgezeichnet.

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